ESPRIT-Projekt
DISSY
Dienstreihenfolgeplanung im öffentlichen
Nahverkehr
Laufzeit des
Forschungsprojekts |
1998/1/1 - 1999/5/31 |
| Schlüsselwörter |
Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV),
Dienstreihenfolgeplanung, Turnus, Schichtarbeit, Optimierung, Personaleinsatzplanung,
Simulation, Entscheidungsunterstützung, verteiltes Rechnen |
Technische
Daten |
Client/Server, distributed multi-tier architecture,
WinSockets, MS
Windows NT, Visual
C++, ActiveX |
Ziele
Im Projekt DISSY wird ein HPCN-basiertes Decision-Support-System für
die Dienstreihenfolgeplanung im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV)
entwickelt und evaluiert. Das System erlaubt es, verschiedene Planungsszenarien
zu simulieren und zu studieren, um die Personaleinsatzplanung besser auf
neue Rahmenbedingungen anzupassen. Es vervielfacht die Produktivität
der Planer in der Planungsabteilung und schafft Transparenz für das
Management wie für die Bus- und StraßenbahnfahrerInnen. Die
neue Planungsflexibilität wird öffentlichen Nahverkehrsunternehmen
wie auch Industriebetrieben mit Schichtarbeit neue Impulse geben, ihre
Personalplanungsprozesse zu verbessern.
Die Anwendung
Die folgende Abbildung zeigt das Netz der Straßenbahn- und Buslinien,
das dem Fahrplan der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) zugrundeliegt.
Insgesamt sind hier täglich mehr als 800 Schichten und 1300 FahrerInnen
zu planen.
Das Netz der Bus- und Straßenbahnlinien der
BSAG
Ein Dienstplan definiert für jeden Tag des Planungshorizonts die
Dienste (Schichten), die von einer Gruppe von FahrerInnen zu fahren sind.
Der zugrundeliegende Turnus gibt das Dienst-Frei-Schema an. Das Problem
Dienstreihenfolgeplanung besteht darin,
-
die Menge aller zu bedienenden Dienste auf die Gruppen von FahrerInnen
gemäß ihrer Qualifikation und Präferenzen zu verteilen
und dabei
-
die Dienste innerhalb eines Dienstplans so in Reihenfolge zu bringen, daß
-
gesetzliche, tarifvertragliche Regelungen und Betriebsvereinbarungen, insbesondere
zu Ruhezeiten und maximalen Arbeitszeiten in bestimmten Zeiträumen,
-
arbeitswissenschaftliche Kriterien sowie
-
sozialverträgliche Kriterien (d.h. individuelle Präferenzen der
Gruppen)
berücksichtigt werden.
In herkömmlichen Systemen muß der Turnus manuell vorgegeben
werden, insbesondere muß für jeden Tag, der kein freier Tag
ist, in einem Dienstplan genau spezifiziert werden, welche Art von Dienst
die Zuweisungsautomatik hier zuweisen soll. Dadurch wird das von der Zuweisungsautomatik
zu lösende Optimierungsproblem einfach, aber für den Nutzer entsteht
ein unverhältnismäßig hoher Aufwand beim Anpassen an neue
Randbedingungen. Auch der Grad, bis zu dem die Dienstpläne optimiert
werden können, ist hierdurch eingeschränkt.
Veränderungen in Randbedingungen, wie z.B.
-
die Einführung neuer Linien oder neue Taktzeiten mit den dadurch bedingten
Veränderungen in der Dienstmasse,
-
Veränderungen des Mitarbeiterstamms, wie z.B. eine Fahrergruppe mit
neuen Arbeitszeitregelungen,
-
ein verändertes Profil einer Fahrergruppe hinsichtlich Qualifikation
und Präferenzen,
-
neue gesetzliche oder tarifvertragliche Regelungen oder Betriebsvereinbarungen,
die neue Arten von Turnussen oder Dienstreihenfolgen gestatten,
-
neue arbeitsmedizinische Erkenntnisse bezüglich der Reihenfolgebildung,
die die Krankenquote oder die langfristige Arbeitsfähigkeit zu verbessern
versprechen,
erfordern ein Werkzeug zur Entscheidungsunterstützung bei der Anpassung
des Geschäftsprozesses an die neue Situation. Was-wäre-wenn-Studien
und Simulationen sind nötig, um verschiedene Szenarien evaluieren
und vergleichen und um den Einfluß von Stellgrößen und
Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Optimierungszielen untersuchen
zu können. Kurzfristig verfügbare Planungsvarianten geben neue
Ideen, den Betriebsablauf - in wirtschaftlicher Hinsicht wie in Hinblick
auf die Mitarbeiterzufriedenheit - zu optimieren. Konkrete Planalternativen,
neue Dienstplan- und Turnusarten können zwischen Planungsabteilung,
Betriebsrat und Management auf der Basis gesicherter Information diskutiert
werden.
Vorteile
Was bietet ein solches System für Vorteile?
-
höhere Produktivität der Planer.
-
wirtschaftlicherer Personaleinsatz durch
-
eine geringere Krankenrate,
-
Verbesserung der langfristigen Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter,
-
neue Flexibilität bei der Mittelfristplanung der Personalressourcen,
-
verbesserte Personalauslastung,
-
Minimierung von Überstunden,
-
höhere Transparenz der Dienstpläne für das Management wie
für die FahrerInnen,
gerechtere Dienstpläne
-
Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit durch Berücksichtigung
ihrer Präferenzen. In der Personaldisposition sind dadurch weniger
Planänderungen nötig, die Disponenten werden entlastet.
Wodurch werden diese Vorzüge erreicht?
-
Der Planer spezifiziert und modifiziert die Fahrerprofile (Qualifikationen
und Präferenzen) der Fahrergruppen, die zeitraubende Dienstzuweisung
auf deren Dienstpläne übernimmt die automatische Optimierung,
deren Vorschläge der Planer ggf. nachbearbeitet. Die Arbeit der Planer
kann sich darauf konzentrieren, in einem interaktiven Prozeß mit
dem System Planungsalternativen zu erarbeiten und zu bewerten. Er erhält
so den Freiraum, auf die individuellen Bedürfnisse der FahrerInnen
einzugehen und die Dienstplanung als Ganzes zu verbessern, um die Belastung
der Schichtarbeit zu mildern. Mitarbeiter, die ernstgenommen werden und
am Planungsprozeß partizipieren können, sind motivierter und
zufriedener.
-
Die Planungsqualität wird gesichert durch die Abbildung einer großen
Zahl von Zielkriterien, die es erlauben, wirtschaftliche, arbeitsmedizinische
sowie sozialverträgliche Aspekte der Lösung zu beeinflussen und
zu kontrollieren.
-
Automatische Turnus-Optimierung. Das System schlägt Turnusse vor,
die die zu bedienende Dienstmasse optimal mit den Fahrerprofilen abgleicht.
-
Optimierung der Planungsstellgrößen durch Parameterstudien.
Viele der Planungsziele widerstreben einander, so wie beispielsweise lange
nächtliche Ruhezeiten vs. lange Wochenruhezeiten oder die Empfehlungen
der Arbeitswissenschaft vs. der Wunsch nach besonders langen Freiblöcken.
In diesen Fällen kann durch Parameterstudien ein akzeptabler Kompromiß
gefunden werden.
-
Unterstützung bei der Einrichtung und bei der Auswertung einer Simulation
durch eine Benutzungsoberfläche, die Randbedingungen, Kenngrößen
und Eigenschaften der Lösungen graphisch visualisiert. Die MDI-Technologie
und der objektorientierte Ansatz erlauben es, Lösungen zu allen Zeiten
komfortabel zu bewerten, zu vergleichen und zu manipulieren.

Die graphische Benutzungsoberfläche (MDI)
Das Konzept
Die Lösung kombinatorischer Optimierungsprobleme ist in Bereichen
wie Logistik, Transport und Produktion der Schlüssel zu einem ökonomischen
Einsatz der Ressourcen, zu einer Verbesserung der Effizienz von Prozessen
oder zu einer Verbesserung der Produktqualität. Aufgrund der geforderten
kurzen Antwortzeiten und der komplexen Gestalt von Werkzeugen zur Entscheidungsunterstützung,
die eine automatische Optimierung von großen Problemeninstanzen erlauben,
ist die Verwendbarkeit herkömmlicher sequentieller Rechnerarchitekturen
stark eingeschränkt. Parallele und verteilte Systeme bieten die Möglichkeit,
auch große und komplexe Probleme mit der vereinten Leistung mehrerer
Prozessoren, die durch ein schnelles Netzwerk verbunden sind, ökonomisch
zu lösen.
Im Projekt DISSY wird eine Methodik, die vom Partner HUB im vom BMBF
geförderten Projekt PARALOR
für die Dienstplanung bei Fluggesellschaften entwickelt wurde, auf
die Lösung des Dienstreihenfolgeproblems im ÖPNV übertragen.
Um die Vergleichbarkeit von Lösungen aus Parameterstudien zu gewährleisten,
ist eine hohe Qualität der Lösungen Voraussetzung. Die Komplexität
des Optimierungsproblems (die Anzahl der Variablen wie die der beteiligten
Optimierungskriterien) erfordert leistungsfähige Techniken des Operations
Research wie die sogenannten Metaheuristiken, die jedoch hohe Laufzeiten
(je nach Einstellung bis zu mehreren Stunden) aufweisen. Um trotzdem vernünftige
Antwortzeiten garantieren zu können, wird HPCN-Technologie verwendet.
Die Parallelisierung der Optimierungsverfahren für die Flugdienstplanung
wies je nach Parallelisierungstechnik eine Effizienz von 60% bis nahezu
100% auf bis zu 16 Prozessoren auf einem Parsytec GigaCluster PowerPlus
Parallelrechner auf. Vergleichbare Resultate können für ein PC-Cluster
erwartet werden, eine Architektur, die ebenso kostengünstig wie leicht
skalierbar ist, um für den Einsatz eben z.B. in ÖPNV-Unternehmen
geeignet zu sein. Das System wird durch eine Test-Installation beim Partner
BSAG evaluiert und optimiert; es beruht auf dem VDV-Datenmodell und ist
somit genauso bei anderen ÖPNV-Unternehmen einsetzbar.
Weitere Informationen
Projektpartner
Kontakt
Thomas Emden-Weinert
E-mail: Thomas.Emden-Weinert@ePost.de |
Hans-Georg Kotas
Bremer Straßenbahn AG
Fachbereich B2: Fahr-, Umlauf-, Dienstplanung
Flughafendamm 12
28199 Bremen
Tel.: [+49] (+421) 5596-289
Fax: [+49] (+421) 5596-135
E-mail: bsag-b2@t-online.de |
TEW
- erstellt 98/10/23, zuletzt geändert 2002/03/14